Interview mit Schmier von PANZER – "Ich war früher Ministrant, Vorsicht!"

Nicht nur Fans von Destruction und Accept warten sehnsüchtig darauf, sich am 28. November plattwalzen zu lassen. Denn die neue deutsche Supergroup um Sänger Schmier greift mit ihrem Debütalbum „Send Them All To Hell“ auf das bewährte Rezept von klassischem Arschtritt-Heavy Metal zurück, um mit PANZER frischen Wind in die Szene zu bringen und mit flitzenden Gitarren den Kampf einzuläuten. Trotz des martialischen Namens, geht es PANZER jedoch nicht um gesungene Kriegssagen oder gar wirre politische Statements. Der knappe Titel soll einfach nur die Durchschlagkraft des neuen Trios untermalen, denn laut Sänger Marcel „Schmier“ Schirmer haben PANZER eigentlich nur ein Ziel: Heftig zu scheppern. Wir sprachen mit dem vielbeschäftigten Herren, der den meisten als Frontmann von Thrash-Legende Destruction bekannt sein dürfte, über sein neues Album, Hirnverluste, Ärger am Flugschalter, und seine Zeit als Ministrant. Ja. Wirklich.
Sound Infection: Gerade warst du noch mit Destruction auf Tour, heute machst du schon Promo-Arbeit für Panzer und unterhältst die Presse – schlafen oder Urlaub machen ist nicht so dein Ding, kann das sein?

Schmier: Wenn man schon so lange Musik macht wie wir, wird man irgendwann rastlos. Ich bin gern für zwei Wochen Zuhause, aber fühle mich dann auch erholt und möchte wieder los. Deshalb passte es sich prima, als Stefan [von ACCEPT] mich ansprach – wir treffen uns häufiger im Z7, einem lokalen Club, und er schlug vor, dass wir mal was zusammen machen. Erst hielt ich es für einen Witz, aber wir redeten mehr und mehr darüber und ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich Songs geschrieben habe, die nicht zu Destruction passten. Da bot es sich an, mal ein neues Ding zu starten und einfach mal was anderes zu machen.
Inwiefern schafft ihr es denn, als drei gestandene Musiker, die ja auch nicht direkt aus dem selben Subgenre kommen, denselben Nenner zu finden und euch nicht die Köpfe einzuschlagen?
Haha, das ist schon nicht ganz einfach, wir haben alle viel Erfahrung und starke eigene Meinungen, sodass wir alle drei der Boss sein wollen. Trotzdem fanden wir immer wieder einen gemeinsamen Nenner und hatten oft die gleichen Ansichten, sodass wir Schwierigkeiten einfach ausdiskutierten. Jeder bekam seine Aufgaben und am Ende wurden wir uns immer einig, da die musikalische Ausrichtung der Band von vorn herein klar war. Schwierig ist es lediglich, wenn ich mit Destruction und die anderen Jungs mit Accept touren und wir 16 Stunden Zeitunterschied haben. Man findet selten Gelegenheit miteinander zu reden, die Internetverbindungen sind oftmals schlecht und ohne WhatsApp oder Skype ist man wirklich aufgeschmissen. Ich kaufe mir dann meist für teuer Geld noch extra Internet, weil man absolut davon abhängig ist – dementsprechend sieht auch meine Telefonrechnung aus…
Bist du schon mal Panzer gefahren? Und falls nein, warum nicht?
Ich glaube, das ist gar nicht so einfach! Ich bin zwar schon WIE ein Panzer gefahren, aber ohne Panzer (lacht) Ich würde es aber gern mal machen, irgendwo gibt es ja solche Teststrecken, wo man gegen Bares mal ein paar Runden drehen kann. Vielleicht darf man da auch mal einen Fotoshoot machen!
Euer Albumcover ist ziemlich genial, wenn man es näher unter die Lupe nimmt – woher stammten die Ideen für diese Details? Weshalb sitzt ein fieser Clown am Steuer und wieso laufen die Krawattenträger vor dem Panzer her anstatt selbst drin zu sitzen beispielsweise?

Zuerst wollten wir natürlich einen brutal aussehenden Panzer haben, der zu Heavy Metal passt, schön mit Klischees, aber auch filigranen Details. Der verrückte Clown kann natürlich vieles bedeuten, ich selbst würde ihn so interpretieren, dass er für die Herrscher dieser Welt steht und zeigt, dass alle, die die Welt dominieren eigentlich einen an der Klatsche haben. Aber natürlich gibt es da viel eigenen Interpretationsspielraum, den ich bei meinen Texten ja auch gern nutze. Das macht Kunst schließlich aus. Auf der Seite des Panzers steht ja auch noch ein Teufel mit Flammenwerfer, es ist schon ganz witzig gemacht…
Um auf eure Texte zu sprechen zu kommen, hatte ich mir mal „Mr Nobrain“ näher angeschaut, dort geht es ja im weitesten Sinne um Menschen, die blind jedem Trend folgen und sich weigern, selbst zu denken, verstehe ich das richtig?
Ja, den Text kann man verschieden auslegen. Ein Mal eben über diese Leute, die einem unnötig das Leben schwer machen – das fängt ja bereits an mit Menschen, die über dir stehen, das Land regieren, ihre Macht missbrauchen, aber sich gleichzeitig auf keinem sehr intellektuell hohen Niveau befinden. Aber Mr Nobrains gibt es auch im ganz alltäglichen Leben, die an Schaltern stehen oder in Behörden herumwerkeln und einem mit Kleinigkeiten den Tag ruinieren.
In welchem Alter sind dir solche Leute denn erstmals aufgefallen, wann hast du begonnen, gegen sie zu rebellieren?
Die entdeckt man recht schnell. Wenn man jung ist, sieht man vieles etwas enger, entwickelt einen Hass auf die eigene Familie, Lehrer, andere Schüler… aber wenn man älter wird und um die Welt reist, merkt man, dass es die Leute überall gibt, sei es bei der Fluggesellschaft am Schalter, wenn sie dir Übergepäck aufdrücken wollen, obwohl es gar nicht erlaubt ist, oder an der Grenze, wenn der Zollbeamte dir sagt „Gib mir mal hundert Dollar, sonst lass ich dich nicht einreisen!“.
Mit Destruction hattest du ja die Tage auch erst das Problem, dass eure Spanientour abgesagt werden musste, weil der Veranstalter euch einen Strich durch die Rechnung machte…

Ja, das war sehr ärgerlich. Eigentlich hatte der Veranstalter einen guten Ruf, aber ihm schien im Vorfeld einiges an Geld verloren gegangen zu sein und da er offenbar keine Kohle für Notfälle zurückgelegt hatte, war er sofort pleite und hielt das vor uns geheim. Immer hieß es „Das Geld kommt, das Geld kommt“, wir wollten damit unsere Crew und die Reise bezahlen, aber nie kam ein Cent an und das war sehr ärgerlich. Insbesondere, da es ja nicht nur die Band betraf, sondern unsere ganze Crew, aber so etwas passiert leider. Wir haben auch noch einen Prozess gegen eine amerikanische Konzertagentur laufen, aber da der noch im Gange ist, darf ich leider nicht darüber reden. So ist es aber oft im Musikgeschäft, immer darf man seinem Geld hinterherrennen, also reich werden wir nicht gerade (lacht) Besonders zu Zeiten von Youtube und Spotify verdient man kaum noch große Summen, sogar T-Shirts sind fast nur noch Bootlegs – wenn wir mit Destruction beispielsweise in Brasilien spielen und 2000 Leute zur Show kommen, haben 1998 ein kopiertes Shirt an, da ist es schon heftig, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Geld einem dadurch durch die Lappen geht. Es ist kein einfaches Leben im Musikbusiness und besonders heutzutage gelingt es nur noch den wenigsten, von dem Job zu leben.
Das ist wohl leider wahr. Wo wir schon beim Thema Unzufriedenheit sind – da euer Album ja nun „Send Them All To Hell“ heißt: Wen würdest du ohne Diskussion geradewegs in die Hölle schicken?
Oh, da gibt’s eine lange Liste, ich will jetzt keine Namen nennen! (lacht) Einige Politiker sicher… Nein, das war einfach ein Titel, auf den wir uns zu dritt sofort geeinigt haben, weil jeder von uns genug Leute kennt, von denen er verarscht wurde oder die ihm auf den Sack gehen. Und da der Satz der erste von dem Album ist, passte er einfach perfekt.
So, jetzt mal ein richtiges Metal-Thema: Wie feierst du Weihnachten?
Ich kaufe schon lange keinen Weihnachtsbaum mehr und dem allgemeinen Kommerzwahnsinn schließe ich mich auch nicht an, aber für die Familie ist es natürlich trotzdem ein guter Anlass, zusammen zu kommen und sich ein Mal im Jahr auf einem Fleck zu versammeln. Wir treffen uns halt zum Essen an zwei Tagen, genießen Wein und erzählen uns die Stories des letzten Jahres – in der Hinsicht schätze ich Weihnachten sehr. Die andere, kommerzielle oder sogar christliche Seite finde ich weniger toll, aber solange es die Leute zusammenbringt, ist es doch eine gute Sache.
Lässt du dich auch brav in die Kirche schleppen?

Ich war früher Ministrant, Vorsicht! (lacht) Doch wirklich. Na gut, ich war zwar damals Ministrant, habe mich dann aber auch doppelt so schnell in die andere Richtung bewegt und eine Trotzreaktion entwickelt. Als ich etwa 16 war, haben meine Eltern dann auch aufgegeben, mich zum Kirchengang zu überreden. Das letzte Mal in der Kirche war ich, glaube ich, zur Beerdigung meiner Oma…
Aber so eine Trotzreaktion ist ja eine ganz normale Sache – wenn du deine Kinder mit Rock’n’Roll erziehst, werden sie anfangen Rap zu hören oder umgekehrt.
Das stimmt allerdings. Wo wir bei Jugendlichen sind, noch eine letzte Frage zum Abschluss: Welche Fehler sollte ein jugendlicher Musiker vermeiden, wenn er dauerhaft in einer Band spielen will?
Das Wichtigste finde ich, ist es, einen Job zu haben, der einen absichert. Die wenigsten Musiker können von ihrer Musik leben und bis man überhaupt an diesen Punkt kommt, sollte man zusehen, dass man einen Job hat, der einen über Wasser hält und eine Lebensgrundlage bietet. Das Zweitwichtigste ist es, die richtige Freundin – oder besser noch – GAR KEINE Freundin zu haben (lacht) Denn wenn ich mir überlege, wie viele Frauen schon versucht haben, mir meinen Job zu versauen und sagten „Ich oder die Musik!“… Das hat vermutlich schon sehr vielen talentierten Musikern die Luft aus den Federn genommen. Außerdem sollte die Erwartungshaltung nicht zu groß sein, aber gleichzeitig muss man daran glauben, einen langen Atem haben und ein Aufstehmännchen sein. Nicht nach Trends zu hecheln ist auch sinnvoll, lieber sollte man das machen, was man will und gut kann, und ich denke, man ist am Besten, wenn man das macht, was man mit Herzblut tut Deshalb gibt es auch keine goldene Regel für Erfolg, jeder muss seinen Weg finden und sich vor allem die richtigen Leute suchen und mit denen Schritt für Schritt vorwärts gehen kann.

„Send Them All To Hell“ erscheint am 28.November und ist bereits bei Nuclear Blast vorbestellbar.

Interview: Anne Catherine Swallow

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