Während sich der Vorhang für eine außergewöhnliche Karriere schließt, die sich über mehr als vier Jahrzehnte erstreckt, bereiten sich SEPULTURA darauf vor, ihr letztes Kapitel zum Ende dieses Jahres zu beenden. Mit über 40 Jahren Bandgeschichte, 14 Goldenen Schallplatten und Auftritten in mehr als 80 Ländern gelten Sepultura als Brasiliens kompromissloser Botschafter auf der Weltbühne und als eine der einflussreichsten Metal-Bands unserer Zeit.
Während sie derzeit mit ihrer Abschiedstournee „Celebrating Life Through Death“ noch einmal rund um den Globus unterwegs sind und ihren wegweisenden Sound live präsentieren, stellte sich die Frage: Wie sollte eine Band wie Sepultura das Ende einer solch monumentalen Reise markieren? Die Antwort ergab sich ganz natürlich: indem man einen letzten kreativen Moment festhält und für die Nachwelt bewahrt.
Im Jahr 2024 stieß der 23-jährige amerikanische Schlagzeuger Greyson Nekrutman zur Band. Das Ausnahmetalent mit seinem breiten musikalischen Horizont erwies sich schnell als starke kreative Kraft innerhalb der Gruppe. Gemeinsam tourte diese letzte Besetzung von Sepultura durch Nordamerika, Europa und Lateinamerika und präsentierte ein Programm, das die gesamte vierzigjährige Geschichte der Band umfasste. Gitarrist Andreas Kisser verspürte den Wunsch, diese besondere Chemie festzuhalten, bevor Sepultura endgültig zu Ende gehen würde. So entstand die Idee zu einer letzten EP.
„Wir haben ständig zusammen gejammt – zwischen Tourneen und während der Soundchecks“, erklärt Andreas. „Greyson brachte immer neue Ideen mit, die neue Riffs und Richtungen angestoßen haben. Ich hatte auch noch einige unfertige Demos herumliegen – keine fertigen Songs, nur Ideen. Aber wir wollten unbedingt noch etwas mit Greyson aufnehmen, bevor alles vorbei ist.“
Für dieses letzte Kapitel wählte die Band die legendären Criteria Studios in Miami, einen geschichtsträchtigen Ort, an dem bereits unzählige ikonische Aufnahmen verschiedenster Genres entstanden sind. Produziert von ihrem langjährigen Freund und Weggefährten Stanley Soares nahm die EP innerhalb von zehn Tagen ganz organisch Gestalt an.
„Wir haben alles direkt im Studio arrangiert“, erinnert sich Andreas. „Es gab keinerlei Druck. Kein Veröffentlichungstermin, keinen Albumtitel, keine Songnamen. Wir haben einfach geschrieben und gespielt. Bei einem Stück haben wir uns von Greysons jazzigen Einflüssen leiten lassen, was unserem Sound eine völlig neue Dimension verliehen hat. Es war eine unglaubliche Erfahrung, und ich bin stolz darauf, dass wir in unserem letzten Jahr etwas so Spontanes und Ehrliches veröffentlichen können – und die Songs sogar noch live auf Tour spielen werden.“
Das Ergebnis ist „The Cloud of Unknowing“, eine der vielseitigsten und emotionalsten Veröffentlichungen in der Geschichte der Band. Die vier Songs der EP wirken wie ein bittersüßer Abschiedsgruß und zeigen das gesamte kreative Spektrum von Sepultura. Vom direkten, kraftvollen Vorwärtsdrang von „All Souls Rising“, das immer wieder in orchestrale Größe ausbricht, bis hin zur nachdenklichen Power-Ballade „Beyond the Dream“ mit ihren klaren Gesangspassagen spiegelt die EP sowohl die Härte als auch die Tiefe wider, die das Vermächtnis von Sepultura geprägt haben.
Sänger Derrick Green erläutert die Hintergründe von „All Souls Rising“:
„Die Grundidee wurde von einem Buch von Madison Smartt Bell über den Sklavenaufstand im Haiti der 1780er Jahre inspiriert. Auf einer allgemeineren Ebene geht es aber auch darum, was heute in unserer Gesellschaft geschieht – darum, wie viel sich verändern lässt, wenn wir uns über Rasse, Religion und Politik hinweg zusammenschließen. Gleichzeitig handelt der Song von den Veränderungen, die wir in uns selbst bewirken können.“
Ein ähnlicher gesellschaftlicher Blickwinkel prägt auch das langsam wachsende Stück „The Place“:
„Dieser Song handelt von Einwanderern, die an einen Ort kommen, um Schutz zu suchen und ein neues Leben zu beginnen.
Nachdem sie sich in einer trügerischen Sicherheit eingerichtet haben und unaufhörlicher Propaganda ausgesetzt sind, beginnen sie gegen genau das zu kämpfen, was sie an sich selbst hassen. Der Wandel setzt ein, sobald sie versuchen, diesem Selbsthass zu entkommen und ihren Zorn gegen Menschen richten, die einst dieselben Überzeugungen teilten. Ich finde, die Texte folgen den Veränderungen des Songs sehr genau – sie beginnen mit Enttäuschung und enden in Wut.“
„The Cloud of Unknowing“ ist ein letztes Statement: ungefiltert, furchtlos und zutiefst menschlich. Es zeigt Sepultura in einem ihrer reflektiertesten und freiesten Momente und dient als kraftvolles finales Vermächtnis, bevor sich der Vorhang endgültig schließt.








